Schule heute. Bildung 2.0 und Vitamin B

Lange dachte man, Latein in der Schule sei zwangsläufige Voraussetzung für ein Medizinstudium. Heute weiss man es besser. Leider haben wir es versäumt, über dieses Erkenntnistellerchen hinauszuschauen. Noch sehr viele unserer Lehrinhalte sind überhaupt nicht alltagstauglich und so unnütz wie ein Eierschneider, aber den wüßte man wenigsten anzuwenden.  E=mc2 oder die Binomischen Formeln sind unbesehen ehrwürdige Entdeckungen. Aber wer kann denn wirlich etwas damit anfangen? Bei den meisten reicht der Satz des Pythagoras doch höchstens zur 8000€ Frage bei „Wer wird Millionär“. Doch wann sitzt man da schonmal? Es ist tragisch, das weitaus mehr als diese wenigen Formeln nicht in Erinnerung geblieben ist. Fazit: Inhaltlich und strukturell ist unser jetziges Schulsystem wenig modern und sinngebend. Es ist realitätsfremd, schwerfällig und trotz vieler Details monoton. Ein paar Beispiele:

Männer und Bildung

In Deutschland haben wir einen starken Mittelstand, der auch die Wiege für die Konzernstrukturen ist. Alles aufgebaut durch die alten Hasen, die als Kriegs- und Nachkriegsgeneration schwere Zeiten durchgemacht haben, manche sogar zweimal. Sehr erfolgreiche Unternehmer, viele stehen heute noch an der Spitze ihrer Firmen. Gängige Schulbildung? Volksschule, im Anschluss daran gings direkt ums wirtschaftliche Überleben. Die meisten dieser Unternehmer schämen sich für ihren geringen Schulabschluss, auch heute noch. Was unnötig und verwunderlich ist, da man sich fragen muss, wie viel erfolgreicher hätten die Unternehmer denn noch sein können? Nicht nur die Stärke des Mittelstandes macht überraschend deutlich, wie unwichtig Schule für wirtschaftlichen Erfolg ist. Viele Beispiele zeigen sogar, dass unsere unpraktische Bildungsprügel für die konventionelle Wirtschaft zunehmend schädlich ist. Vielleicht ist den alten Hasen nicht bekannt, dass die Unzufriedenheit von Unternehmern über Hochschulabsolventen stark steigt. Vor allem junge Mitarbeiter mit Bachelor- und Masterabschluss schneiden schlecht ab. Lt. WELT geht das aus einer Personalleiterbefragung des Münchener Ifo-Instituts hervor, die vierteljährlich unter 1000 Firmen erhoben wird. Der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, rät sogar davon ab, überhaupt in Deutschland zu studieren. Halleluja.

Frauen und Bildung

In vielen, wenn nicht sogar in allen Kriegen seit Menschengedenken ist etwas geschehen, was bisher weitestgehend unberücksicht geblieben ist: Wenn es Krieg gab, wurden aus Arbeitern Soldaten und aus Unternehmern Offiziere. Währenddessen vollbrachten Frauen im Hintergrund wahre Wunder. Sie versorgten nicht nur weiterhin die Familie, sondern wurden zudem Arbeiterinnen und Unternehmerinnen. Ohne nennenswerte Bildung. Sie waren es, die Familien und das Land mehr denn je zusammenhielten. War ein Krieg beendet und die Männer kamen zurück, waren es die Frauen, die aufräumten. Dann gingen sie zurück zu den ihnen zugeteilten familiären und häuslichen Aufgaben. Noch nie hat man jemanden nach einem Krieg sagen hören, dass Frauen einen schlechten Job gemacht hätten.

Werte

Bleibt die Frage, welchen Einfluss Schule auf humanitäre Werte und gesellschaftlichen Erfolg hat. Endlosliste: Brutalster Kinderraub und -handel, um Schokolade zu produzieren für unsere Komfortzone, grausamste Hundeproduktion für ein bisschen Fell an Jacken und Mützen zum Angucken, oder eine Rente, die sich auch aus Verbrechen an Menschen refinanziert. Die Riester-Rente, die initiiert wurde durch Herrn Walter Riester - Jahrgang 43, Volksschule / kein Abitur, aber eine Rente, die er zusammen mit vielen verantwortlichen Führungskräften, die sehr wohl das Abitur haben, auf den Weg gebracht hat. Weder wenig noch viel Schule hat den Riester-Wahnsinn verhindert. Wenn Artikel 1 unseres Grundgesetzes an unserer Haustür endet, gilt es dann überhaupt. Darf das alles wirklich (l)egal sein?

Verstehen

Würde man eine Umfrage machen, was Demokratie bedeutet - wie viele könnten das beantworten? Das Grundgesetz erst. Was steht da drin, wer hat es geschrieben und warum? Was bedeutet das Grundgesetz im Alltag und wie sieht es mit der Realität aus? Haben unsere Grundwerte praktische Gültigkeit? Welchen realen und globalen Platz haben Humanität und Würde in unserer Gesellschaft? Echte Demokratie macht Spass. Aber wie echt ist unsere Demokratie? Und wie echt kann sie sein?

Welche Bedeutung hat alles im Kontext? Hat unser Grundgesetz nichts mit Philosophie zu tun, Biologie nichts mit Geographie, Kunst nichts mit Geschichte, Physik nichts mit Mathematik, Mathematik nichts mit Musik, und Chemie nichts mit Poesie? 

Bankster

Bereits seit Anfang der 2000er bekam ohne (gutes) Abitur fast niemand mehr einen Ausbildungsplatz bei einer Bank. Warum eigentlich? Hat das Abitur unser Banken- und Finanzsystem auch nur für 5 Pfennig verbessert oder vermindern Abiturienten tatsächlich das Risiko der nächsten Finanzkrise? Wird Schülern in Klasse 11-13 überhaupt irgendetwas besonderes beigebracht, was für eine Bankausbildung notwendig wäre? Euklidische Geometrie ... aha. Aber unser Grundgesetz oder etwas zum Thema Datenschutz? Leider Fehlanzeige. Nicht nur die Haspa z.B. ist König im Datenbusiness. Testen Sie es selbst, fragen Sie mal live die Mitarbeiter in den Filialen vor Ort - den meisten ist überhaupt nicht klar, was schon den jüngsten Kunden an Datenfreigabe abgerungen wird zur Marktausschlachtung. Ist dafür das Abitur gut? Ganz zu schweigen von den grossen Finanzvergehen. Hat irgendein Studium das verhindert? 
Wer weiß denn schon, dass das meiste Geld auf der Welt ausgedacht ist und gar nicht existiert?! Es wurde nie gedruckt. Viele Kredite zum Beispiel denken unsere Geschäftsbanken sich einfach aus - ungefähr in dem Moment, wenn ein Vertrag unterschrieben wird. Aus dem Nichts einen Kredit einem Konto gutgeschrieben, durch Eintippen in einen Computer, Geld ist geboren, simsalabim. Geschäftsbanken "machen" sich Geld einfach selbst - crazy, oder?! Deshalb machen Banken dicht, wenn auf einmal alle ihr Geld abheben wollen. Illusion kann man zwar leihen, aber eben nicht abheben.

Karriere

Ein Bekannter Bj. 64 ist Kommissar bei der Kripo. Er hat in den 80ern direkt nach dem Realschulabschluss bei der Polizei angefangen. Aufgrund des Schulabschlusses ist seine Karriere heute als Oberkommissar beendet, mehr geht nicht. Ich (SF) bin drei Jahre länger zur Schule gegangen und habe Abitur gemacht. Ehrlicherweise, weil ich damals absolut keine Idee hatte, was ich sonst tun sollte. Aber selbst wenn ich erst 15 Jahre später zur Polizei gegangen wäre und somit 18 praktische Jahre weniger Erfahrung hätte als mein Bekannter, dürfte ich heute Hauptkommissar werden, und sogar Präsident. Er nicht. Weil er vor über 30 Jahren trotz 33 harten Jahren Polizeidienst kein Abitur gemacht hat. Irgendwas muss ich damals in den drei Jahren wohl verpasst haben, was so wichtig war für einen Hauptkommissar. Ob das die Kriminellen beeindruckt, wenn man sich auf die Schulter babbt "Abitur"?

Ziele

Wenn ich junge Menschen frage, welche Themen sie bei der Berufswahl besonders beschäftigen, kommt oft der Satz vor "Womit kann ich viel Geld verdienen?" Ist das der Lebensinhalt, den wir unseren Kindern vorleben und mitgeben? Nicht Visionen, sondern Illusionen?

Bulimielernen

Es gibt heute erstaunlich viele Abiturienten mit einem 1er Abi. Das muss man sich mal überlegen: 13-15 Punkte in allen Fächern. Deutsch, Mathe, Englisch, Sport, Physik, Erdkunde, Geschichte, Chemie, Bio, .... Ist das Abitur so leicht geworden? Nein, aber die Techniken für das Auswendiglernen. Die Kinder selbst, Schüler wie Studenten, nennen es Bulimielernen. Hat also dieses Bildungssystem in Zeiten, in denen die Techniken zum Trainieren des Kurzzeitgedächtnisses immer besser werden, tatsächlich etwas mit echter Intelligenz zu tun? Wohl kaum. Das System der Gänsestopfleber lässt wenig Raum für persönliches auch nicht für echtes und wertvolles Potential - rein was geht, Zufuhr und Inhalt quantitativ. 

Jura oder Ausland

Viele Wahl-Studiengänge kommen in Deutschland für die meisten nur in greifbare Nähe, wenn sie ein 1er Abi haben. Und der Rest? Studiert, was übrig bleibt. Zum Beispiel Jura, das kann jeder studieren. Ein ohnehin schon schweres Studium, das sicherlich als B-Wahl nicht leichter wird, wenn man das eigentlich gar nicht studieren möchte. Macht das bessere Juristen aus diesen jungen Menschen?
Wenn man sich sogar mit einem 1,1er Abi an einer Uni bewirbt, bekommt man oft genug eine Absage mit der statistischen Info, man stehe auf Platz 1387 der Warteliste. Und hat man endlich einen Platz und schafft einen Abschluss und hat sogar einen Job, sagt einem die Marktforschung vierteljährlich, die Unternehmer seien verstärkt unzufrieden. 15-20 Jahre hatte man keine wirkliche Wahl, wurde dumm theoretisiert und wenig inhaltsvoll in die Welt entlassen, um als Dankeschön Mecker zu ernten. Das soll dann der Ausgangspunkt für die berufliche Zukunft sein? Da kannst du doch ohne über Los zu gehen direkt beim Psychiater anklopfen und schonmal einen Termin machen.

Drogen

Wieviele junge Menschen nehmen Aufputschmittel und Psychopharmaka, weil sie schon früh dem Druck an Schulen nicht standhalten?! Anstatt, dass ein Aufschrei durch die ganze Gesellschaft geht und man massiv die Ursachen behebt, nein! Da bauen wir lieber die Ursachen weiter aus. Herzlichen Glückwunsch!

Reichtum

Wer reich geboren ist, bekommt von kleinstauf ein bedingungsloses Grundeinkommen. Man muss sich schon sehr anstrengen, um das in seinem Leben zu ändern. So schreiben reiche Menschen vielleicht 1 Bewerbung in ihrem Leben, arme Menschen hunderte.

Selbst wenn als armer Mensch erwachsen ist, wird man heute nicht mehr reich durch Arbeit, sondern durch Kapital. Da das immer weniger Menschen haben, werden Lebensstart und -weg immer schwieriger. Vitamin B zählt mehr denn je, aber auch das wird Mangelware. Analog dazu sind wir gesellschaftlich darauf geprägt, dass nicht-reich-werden-wollen kein Lebensinhalt ist. So steht der Beruf über der Berufung. Wenn man nicht grade Fußballgott ist, sind in unserer Kultur Begabungen nice to have, aber in der Regel gibt es keine ernsthaften Anstrengungen, die wahren Talente und Gaben zu erkennen, die ohne Frage ein jeder Mensch hat. Vielmehr ist es genau anders herum: Fähigkeiten werden als erstrebenswert bestimmt (BWLer, Popstar, reich sein), und in diese Formen sucht man die Kinder mit aller mentaler Gewalt zu pressen, begleitet von Geigenunterricht, Schachturnieren und Kinderyoga. Kein Bäumeklettern. Bäume?

Schlusswort

Manchmal möchte man meinen, der Mensch sei ein faktenresistentes Wesen, das auf Schmerz und Unheil steht. Wieviel echtes und wertvolles Potential für menschliche wie technische Hochentwicklung uns dadurch verloren geht, das können offensichtlich nur die wenigsten erahnen. Kein Vertrauen in die Menschen, das macht mich traurig. Ich finde: Reiche Eltern für alle Kinder. Wenn dann noch mehr Menschen nicht mit Geld umgehen können, dann soll es eben so sein. Aber es müssen wenigstens alle die gleichen Chancen haben, Scheisse zu bauen.

Im internationalen Vergleich möchte ich gar nicht sagen, dass unsere europäischen Umstände einem halb leeren Glas entsprechen. Ich frage mich nur, warum wir uns mit einem halb vollen Glas begnügen sollen, wenn es doch um das Leben selbst geht. Dass wir heute überhaupt informiert sind, ist wesentlich mehr der Erfindung Internet zu verdanken, als tatsächlich unserer Bildung. Ist das nicht erschreckend? Und wussten Sie, dass immer mehr Schüler ihren Schulabschluß feiern, indem sie sich zum Bücherverbrennen treffen wie zu einer heimlichen Hexenverbrennung?

Kryptische Bildung - Fehlbildung ohne bei den wichtigen Fragen des Lebens im Bilde zu sein, fördert Unwissenheit und verursacht Nebenwirkungen wie Persönlichkeitsverlust und Depressionen. Fehlbildung manifestiert die ohnehin schon schlimmen Irrwege.

Möchten wir dieses fragwürdige Paralleluniverum aufrechterhalten, oder haben wir den Mut, unserer Intuition zu trauen und uns unseren Stärken zu öffnen? Es ist an der Zeit. Immerhin reden wir von Menschen und nicht von Maschinen. Lassen Sie uns herausfinden, ob wir nicht nur die Technik, sondern auch uns selbst hochentwickeln können.

Es heisst, unser Bildungswesen zu revolutionieren, sei aufwendig und teuer. Es nicht zu tun, ist teurer.

 

 

Susanne Fritz

Auszug aus dem Konzept Crosslearning, Bildung 4.0


98% aller Kinder bis 5 Jahre sind hochbegabt, aber nur noch 2% der Schulabgänger
aus Alphabet, einem Film von Erwin Wagenhofer

Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von 
Steuern, Miete oder Versicherungen.

Aber ich kann ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.

Naina, Schülerin