Echte Demokratie. Direkt ist sie die Königsdisziplin

Direkte Demokratie bedeutet, dass das Volk unmittelbar über die wichtigen Fragen ab- und bestimmt, also die Mehrheit. Und obwohl ich das System der Schweiz kenne, hatte ich den Begriff bis Januar 2017 nicht bewusst wahrgenommen. Seitdem denke ich darüber nach und bis heute hat mein spontanes Gefühl Bestand: Direkte Demokratie ist eine wundervolle Vision. Aber in den meisten Ländern der Welt noch zu früh, auch in Deutschland.

Im Kleinen wie im Grossen - mir ist sofort eine Situation eingefallen, die jeder kennt. Sie befinden sich in einem emotionalen Streit mit jemandem und irgendwann sagt der andere zu Ihnen: Ich hab jetzt auch nochmal andere gefragt, wie die das sehen. Alle sehen das genauso wie ich. Das ist eine schwache Argumentation, klägliche emotionale Erpressung, die nur zeigt, wie unsicher die Person in ihrer eigenen Meinung ist. Wenn sich das bei mir jemand traut, antworte ich fast immer: Wenn die anderen und vielleicht (!) sogar die Mehrheit immer Recht haben, dann gäbs heut das Dritte Reich noch.

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Zivilcourage bedeutet, sich nicht nach den anderen und auch nicht nach der Mehrheit zu richten. Das ist tatsächlich einer der Hauptgründe, warum ich auch uns Deutschen eine direkte Demokratie noch nicht zutraue. Die Gefahr des Mißbrauchs ist einfach zu groß. Wir sehen doch überall auf der Welt, aktuell in Amerika, Rußland und in der Türkei, wie leicht Einzelne die Mehrheit manipulieren und in die Irre leiten können. Das ist erschreckend. Und zwar so erschreckend, dass ich mir manchmal nicht mehr sicher bin, ob die in die Irre geleiteten wirklich blind sind, oder ob sich vielmehr eine tiefe Sehnsucht nach Schmerz dahinter verbirgt, quasi kollektiver Masochismus. Oder ob der Frust über die ungerechten Lebensumstände und die Aussichtslosigkeit, aus diesem zähen Hamsterrad jemals heraus zu kommen, ein Triebfaktor ist, so eine Art frustrierte Verzweifelungstat. Wie bei den meisten AfD-Wählern.

Es ist aber auch scheiße schwierig grade. Wir leben in einer Zeit, in der Psychopathen kaum erkennbar und leider gut getarnt sind. Mitnichten sind es ja die, die mit irrem Blick Verschwörungstheorien um sich schreiend durch die Gegend laufen. "Attraktive, intelligente gebildete Psychopathen, die in einer wohlhabenden Familie groß geworden sind, rauben keine Bank aus, sie werden Bankenvorstand." So Robert D. Hare, kanadischer Kriminalpsychologe. Wie will man also unterscheiden zwischen Freund und Feind? Den smarten, lächelnden Psychopathen als solchen zu identifizieren, das hat uns niemand beigebracht. Mut und Zivilcourage auch nicht. Wer das hat, musste sich das in der Regel selber hart erarbeiten. Aus diesen Gründen bin ich gegen die direkte Demokratie in Deutschland. Es ist schon mit der einfachen nicht leicht. Wenn auch die Schweiz mein Vorbild bleibt. Und der Spiegel-Verlag in Hamburg, der den Mitarbeitern gehört. Top of all democracies! 1974, die Initiative des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein, 50% des Verlages an die Mitarbeiter abzugeben und später nochmal 0,5% dazu. Das war und ist SPEKTAKULÄR ! Aber wie lautet heute noch das ewige Argument dagegen? Mit vielen Häuptlingen könne man keine Firma führen. Ok, einfach ist das nicht, aber welche Firmenführung ist schon einfach? Und immerhin schreiben wir das Jahr 2017 und den Spiegel gibt es noch, oder?! Viel zu oft ist nämlich gar nicht das Konzept/die Idee schlecht, sondern vielmehr die Einstellung dazu. Und viel zu oft sind es doch genau diese schlechten Einstellungen, die ein gutes Konzept kaputt machen (wollen und/oder können). Und es sind auch tatsächlich genau diese schlechten Einstellungen und Entscheidungen, die eine ganze Welt kaputt machen (wollen und/oder können). Wir brauchen solche Beispiele und Vorbilder wie die Schweiz und den Spiegel, nach und nach immer mehr. So können wir in dieses grosse Ziel hineinwachsen. Damit zu beginnen, aufrichtige, echte und direkte Demokratie in die Wirtschaft, also direkt in die Unternehmen zu bringen (s.a. funderbird), ist einer der wichtigsten Meilensteine für nachhaltigen Frieden überhaupt. Wenn das soweit ist und funktioniert, dann können wir auch unser politisches System auf das nächste Niveau bringen.