Industrie 4.0 - wieviel Menschsein braucht es noch?

Hochentwickelte Maschinen und die rasanten technischen Erfindungen legen den Verdacht nahe, dass es immer weniger Mitarbeiter braucht. Der naheliegendste Rückschluss ist, dass die Arbeitlosigkeit weltweit nach oben schnellt. Aber ob das wahr ist oder nicht, wird möglicherweise gar nicht fachlich zu klären sein, sondern philosophisch. Mindestens muss man sich doch fragen, ob die Natur es tatsächlich so eingerichtet hat, dass eine Spezies einen Wachstumsschub ohnegleichen verzeichnet und die Welt überbevölkert, um sich dann mangels Verwendungszweck eines nahen Tages zwangsläufig zu eliminieren. Denn ob es uns gefällt oder nicht - auch wir sind Teil der Natur und unterliegen ihren Regeln. So könnte das Gesetz des Stärkeren bei uns Menschen am Tagesende das Gesetz der Masse sein: 

Wenn tatsächlich immer mehr Menschen ohne Arbeit und arm sein werden, sind die Tribute von Panem möglicherweise keine Phantasie mehr. Erst wenn es zuviel des Schlechten gibt und die Mißstände dramatischen Überhang nehmen, möge sich aufgrund der Umstände irgendwann auch der letzte dazu gezwungen sehen, zu erkennen, dass das so vielleicht nicht der beste Weg war. Andererseits: Im Grunde war es doch schon immer so, dass neue bahnbrechende Erfindungen Jobs gekostet haben, aber immer auch neue geschaffen haben. Schrift, Buchdruck, Pflug, Schornstein, Fahrstuhl, oder Rad und Auto - der einzelne Postbote hat dank der neuen Fortbewegung rasant viel mehr Briefe geschafft, die Anzahl der Postboten hätte das maßgeblich minimieren müssen. Hat es das? Nein, da neue Anforderungen dazu kamen. Auch Industrialisierung oder Internet und IT haben keine hohe Arbeitslosigkeit verursacht. Es haben sich mit den neuen Erfindungen "einfach" auch neue Jobnotwendigkeiten ergeben. Wie immer. Ich möchte sogar soweit gehen und sagen, dass erst durch die Reduzierung von alten Aufgaben und das Entstehen neuer Herausforderungen und deren Bewältigung Kreativität überhaupt erst freigesetzt wurde. Ohne Veränderung ist Kreativität mitunter ja recht schwerfällig. Zumindest mit unseren schwerfälligen und unnatürlichen Bildungssystemen, die auf Kreativität wie eine Chemotherapie wirken. Am Anfang jedenfalls eines jeden solchen Umbruchs konnte sich das kaum jemand vorstellen, welche neuen Jobs entstehen könnten. Warum sollte das mit Industrie 4.0 anders sein? So ist die prognostizierte Arbeitslosigkeit auch diesmal nur eine Vermutung, zudem noch eine, die sich noch nicht einmal auf Erfahrung stützt, sondern wie immer auf mangelnde Vorstellungskraft. Nur was, wenns diesmal stimmt? Wenn Technik den Menschen wirklich überflüssig macht und tatsächlich Armut und Arbeitslosigkeit weltweit nach oben schnellen? Dann brauchen wir natürlich Konzepte, die den Großteil der Menschen eben nicht am langen Arm verhungern lassen. Ich frage mich nur, warum wir darauf warten müssen und wie aussichtsreich das ist. Wir kriegen es ja noch nicht mal mit weniger Technik und weniger Armut hin, dass alle gut versorgt sind. Warum sollte das funktionieren, wenn es noch viel mehr Arme gibt und ein paar wenige noch viel reichere? Worauf warten wir? Ist nicht jeder Tag gut genug, etwas elemtar zu ändern, egal, welche Technik wir haben und wieviel Menschen wir sind? So sollte es sein. Ist es aber nicht. Und deshalb vermute ich, dass es eine ganz natürliche Entwicklung der Natur ist, all inclusive, auch unsere Erfindungen - dass wir uns immer mehr vernetzen können und gleichzeitig immer mehr gefordert werden. Die Natur richtet es auf ihre ganz eigene Art und Weise ein, dass wir dazu gezwungen sein werden, umzudenken und ernsthaft und tief gemeinschaftlich zu handeln. Solange das nicht passiert, wird nach dem Gesetz der Masse das Ganze eines Tages ganz natürlich, aber eben auch gnaz massiv aus dem Gleichgewicht stürzen, dann aber auf uns alle. Am Tagesende werden dann nicht die reichsten überleben, sondern wie immer werden die Kleinsten die Stärksten sein. So wie die Bakterien. Und ausserdem - wer will denn schon im Bunker leben, in einem Luxusknast? 
Was ich mir jedoch ebenfalls als mögliche natürliche Entwicklung von mehr Technik und mit mehr Menschsein vorstellen kann, ist ein enormer Kreativitätsschub. Die Technik wird sicherlich mehr und mehr körperliche Arbeit unnötig machen und sogar immer mehr geistige Aufgaben übernehmen. Nehmen wir also mal an, dass es für die meisten theoretisch kaum noch etwas zu tun gibt. Was wäre denn dann? Das käme ganz auf die Umstände bzw. auf unsere kollektive Haltung an. Wenn die meisten Menschen überflüssig wären und gleichtzeitig ihre Versorgung nicht sichergestellt würde, gäbs sicherlich schon bald unvorstellbare Aufstände, Rebellionen und Kriege. Verständlich. Ein echt unschönes Szenario. Und so überflüssig. Während ich das schreibe, wird mir wieder einmal klar, dass man von Wohlhabenden und Reichen keineswegs velangen kann, dass sie ein grösseres Gemeinschaftsbewusstsein haben, als weniger Wohlhabende oder Arme. Die Menschen sind beliebig austauschbar, jeder könnte jeder sein. Theoretisch wäre es auch für den Großteil der Bevölkerung ein Leichtes, die aktuellen Mißstände sofort zu beheben. Wenn sich die meisten (aktiv) einig wären, wär nach einer Woche alles bestens geregelt. Ist es aber nicht. Verursacht die Natur deshalb diese Bevölkerungsexplosion? Weil wir doch die einzigen mit Bewusstsein sind, es aber noch nicht zu nutzen wissen? Möglicherweise. 

Jedenfalls - wenn durch Industrie 4.0 zwar nicht erwartungsgemäß aber erfahrungsgemäß doch keine Jobs wegfallen, heißt das dann, dass wir so weitermachen können wie bisher? Wie wichtig ist es wirklich, ob mehr Menschen oder mehr Maschinen die Arbeit erledigen, wenn wir mit so vielen Möglichkeiten beschenkt wurden, dass - egal welche Variante - alle in Saus und Braus leben könnten? Das würden gar nicht alle wollen, aber trotzdem. Manchmal denk ich, es wär das Beste, wir würden das Geld ganz abschaffen (bevors "es" uns abschafft), damit wir endlich die wahren und großen Schätze bergen können, die durch Gier und Geldsucht im Verborgenen schlummern wie in einer fernen Phantasiewelt.

Es war noch nie die Technik, die Menschen überflüssig gemacht hat oder hätte. Es war immer der Mensch, der sich selbst und anderen im Weg stand. Das wird auch bei Industrie 4.0 nicht anders sein. Was also, wenn alle Menschen gut versorgt wären und sogar ein gewisser Grundluxus sichergestellt wäre? Das ist doch die spannendste aller Vorstellungen! Der Mensch liebt es, produktiv zu sein. Allzu lange allzuviel rumsitzen, das kann doch kaum jemand längere Zeit ertragen. Arbeit ist etwas seelenexistenzielles, aus Produktivität zieht der Mensch Anerkennung und Energie, Sinnhaftigkeit, die uns nährt und Kraft schenkt, und zwar in einer notwendigen Art und Weise, die grundlegend ist für unserer Wohlbefinden. Und wenn Maschinen uns ganz viel von alltäglichen Prozessen abnehmen, ist es Zeit für besagten Kreativitätsschub und -freiraum. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Menschen, die wirtschaftlich bestens versorgt sind und überall auf der Welt ihren Talenten, ihrer Originalität, ihrem Erfindungsreichtum und Forschungs- und Entwicklungsdrang freien Lauf lassen und die herrlichsten und unvorstellbarsten Dinge erfinden.