Niemand hat Schuld (2 Min). Wer hat Schuld? Haben wir eine Wahl?

"Es gibt keine Schuld. Du hast keine Schuld. Du wusstest es nicht besser. Du konntest nicht anders. Du brauchts keine Schuld zu haben." 

So das befreiende Statement in Psychoanalysen, LifeCoachings und manchmal auch in Religionen. Klingt plausibel und verlockend, irgendwie nichts dafür gekonnt zu haben, das ist ein bekanntes Gefühl. Oder ist es Schwachsinn und feige?

Immer wieder bekommen wir es zu spüren, wie wir unseren Prägungen und unserem Wesen unterliegen, zusammen mit den Umständen ist all das oft stärker als die Ratio, das fühlt man ganz genau. Der Ratio obliegt es lediglich, seine oder anderer Taten und Worte zu erklären aufgrund eben dieser Zusammenhänge und Ursachen, dass man so und so gehandelt hat, weil so und so... Oft fühlt man sich ja trotz allem unschuldig an den Eskalationen und nicht selten ungerecht behandelt. Ungefähr in dem Maße, wie man die Schuld bei anderen sieht. Entsprechend hat sich wahrscheinlich jeder schonmal die Schuldfrage gestellt und oft hat sie uns an unsere Grenzen gebracht. Eine Generalbefreiung von Schuld ist verlockend, und wenn das wahr ist, hätte das grosse Bedeutung für die Menschen. Um herauszufinden, ob es wahr ist, stelle ich mir folgende Fragen:
1. Gibt es Schuld? 
2. Wie kann es etwas, was wir fühlen, nicht geben?

Mit grundsätzlicher Schuld ist es ähnlich wie mit einer Schwangerschaft - ein bisschen schwanger gibt es nicht. Aber wenn es keine Schuld gibt, dann gibt es auch keine Verantwortung, und keine Wahl. Ist das so, haben wir wirklich keine Wahl? Ist die Freiheit der Wahl eine Illusion? Dann ist die Freiheit selbst eine Illusion.

Wenn jemand im Suff immer wieder seine Familie verprügelt und sich am nächsten Tag in Grund und Boden schämt, aber der einzige Therapeut, den er aufsucht, immer nur der Alkohol ist - hatte er jeden neuen Tag keine andere Wahl? In der Tat ist es oft so, dass gewalttätige Menschen sich schon während der Tat selbst hassen, und trotzdem bekommen sie ihre Wut nicht gebändigt, oft ist sogar das Gegenteil der Fall, insbesondere während der Wut verlieren Sie komplett die Beherrschung. Sie haben nicht die Kontrolle über die Wut und damit nicht über sich selbst. 

Was ist mit der Frau, die weder sich noch die Kinder beschützt, hatte sie Monat für Monat, Jahr für Jahr keine wirkliche Wahl? Leichtfertig über solche Probleme zu urteilen, von denen man selber nicht betroffen ist, das ist auch so eine Sache. Haben die Menschen, die ver- und aburteilen keine andere Wahl?

Oder das Phänomen des Rollentauschs, bei dem man die Schuldzuweisung immer mitnimmt, so wie beim gedankenlosen Links-Langsam-Fahrer oder dem grüne-Ampel-Überseher und dem verständnislosen Drängler dahinter. Jeder war schon einmal beides, aber immer hatte der andere Schuld, und sei es in seiner Reaktion.

Oder: Jeder von uns kennt das Gefühl im Nachhinein "Ich habs gewusst, ich habs ganz genau gewusst" - aber obwohl wir es doch ganz genau gewusst haben, haben wir nicht auf unsere innere Stimme gehört. Warum nicht? Hatten wir keine Wahl? Und nur, weil wir das nächste Mal doch drauf hören, heisst das nicht, dass wir dann frei gewählt haben. Nur weil wir eine Erfahrung machen, die sich angenehm anfühlt, ist das kein Beweis dafür, dass wir diese Erfahrung wirklich selbst gewählt haben. Die rationelle Bewertung einer Erfahrung oder auch von vielen sich wiederholenden ähnlichen Erfahrungen (gute wie schlechte) ist kein Beweis für die eigene Wahl. Im Gegenteil -

Wenn wir die Wahl hätten, würden wir uns dann nicht viel öfter für das angenehme entscheiden?

Was immer es auch ist, aber fast alle von uns kennen das Gefühl, immer wieder den gleichen Fehler zu machen. Bei kleineren Problemen mag das ärgerlich sein, aber es ist gut lebbar. Warum sollten wir aber von Menschen mit grossen Problemen erwarten, dass sie ihre Wahl leichter treffen, als Menschen mit einfachen Entscheidungen? Sind wir genetisch auf Schmerz programmiert? Und was hat es mit dieser merkwürdigen Polarität auf sich, dass viele Menschen völlig übertrieben und zu Unrecht stark an Schuldgefühlen leiden, während andere, durchaus Schuldige, geradezu befreit sind von solchen Gefühlen? Ob nun zu Recht oder Unrecht - wenn es wirklich keine Schuld gibt, erschließt sich mir nicht, warum wir dieses Gefühl so unglaublich schwer loswerden.

Ich wundere mich also und überlege eine andere Herangehensweise: Der Schuld den Dämonen zu nehmen und von der defensiven Vermeidung in die offensive Begegnung gehen, mit Mut und Bereitschaft. Klar, Schuld sollte kein Lebensziel sein und kein Dauerzustand werden. Aber immerhin gibt es Schuld nur im Zusammenhang mit dem Aussen, nur im Kontext mit anderen. Eine Verbindung zu anderen, das ist doch grundsätzlich nicht das schlechteste. Schuldgefühle anderer zu mißbrauchen, Schuld auf sich zu laden, wo man keine haben sollte - das ist scheiße, ohne Frage. Aber ab und an ein schlechtes Gewissen und hier und dort ein aufrichtiges und befreiendes "Es tut mir Leid" - was soll daran so schlecht sein? Mal zu sagen "Oh man, da habe ich Scheiße gebaut, echt sorry" oder "Da ist meine was auch immer mit mir durchgegangen, da war ich ungerecht zu dir, das tut mir leid" - warum muss man daraus immer so einen big deal machen? Warum der Angst vor Schuld nicht besser begegnen, fokussieren, zulassen, unterscheiden und abgrenzen, wo ist meine Schuld/Verantwortung, und wo nicht, welche Verantwortung/Schuld gehört klar zu anderen. Das ist nicht einfach und es gibt eine große Grauzone, aus der wir nicht rauskommen und die uns verbindet. DIESER Grauzone müssen wir uns widmen, denn aus dieser Grauzone heraus steigen wir zu Höhenflügen auf oder stürzen gemeinsam ab. Wir brauchen Mut, Bereitschaft, Verständnis, Erkenntnis, Enttabuisierung und Grundsatzforschung zur Wirkung von Prägungen. Vielleicht sind bei manchen die Ich-habe-die-Wahl-Nervenleitungen verstopft und bei anderen sogar total defekt, gekappt, verödet und nicht reparabel? Wenn einer keine Beine hat, kann er nicht laufen. Dürfen wir ihm daraus einen Vorwurf machen? Müssen wir ihm und damit potentiell uns selbst nicht helfen, die Umwelt so zu gestalten, dass er und wir alle mit der Behinderung leben können?

Verantwortung macht Spaß. Der Gedanke keine Wahl zu haben und eine Marionette des Göttlichen zu sein, gefällt mir nicht. Ich möchte nicht auf das große Geschenk der bewussten Wahl verzichten. Wenn es wahr wäre, dass es keine Schuld und damit keine Wahl gibt, würde ich es mir erkämpfen wollen, eine Wahl zu haben. Und wenn ich Verantwortung übernehme, muss ich auch Schuld auf mich nehmen können. Ich glaube tatsächlich, dass der freie Wille das größte Geschenk an den Menschen überhaupt ist. Selbst wenn er eine Waffe sein kann. 

Vielleicht sollten wir den Fokus ändern und einer einfachen Tatsache ins Auge blicken, die Raum für Grosses schafft: Jeder hat Schuld.

 

 

 Artverwandter Artikel: Wut ist wichtig. Sie ist der Schutz der Seele.