Wut ist wichtig

Wut ist gesund und schützt uns, so wie andere Signale auch. Wenn wir unsere Hand auf eine heisse Herdplatte legen, signalisiert uns der körperliche Schmerz: Achtung, nicht gut! Und wir ändern sofort unsere Handlung. Wut ist der Schutz der Seele. Insbesondere für frische Wut sollten wir sehr dankbar sein. Je frischer, desto grösser die Chance auf Heilung. Das funktioniert genauso wie bei der Herdplatte.

Zum Beispiel in einem anregenden Gespräch mit dem Partner - man ist herrlich am schnacken und bis eben war alles in Ordnung, aber auf einmal spürt man, wie Wut hochkommt. Oft weiss man nicht sofort warum. Also versucht man erstmal – weil uns viel zu oft erzählt wird, dass man nicht wütend sein darf, denn das gehört sich nicht – man versucht also, seine Wut schön unter Kontrolle zu halten. Klappt meistens nicht. Geht nach hinten los und dann bricht die Wut heftiger aus. Was trotzdem gut ist – man würde ja bei körperlichem Schmerz auch nicht versuchen, seine Hand auf der Herplatte liegen zu lassen ... Je eher man also sagt „Hej, ich bin grad echt wütend, ich muss jetzt erstmal gucken warum.“ desto eher lässt der Schmerz nach. Frische Wut ist gut. Wenn Wut sich nicht auflösen kann, wird sie chronisch. Chronische Wut ist gefährlich, denn irgendwann sucht sie sich selber ihren Raum und das dann umso heftiger. Das kann bis zu Amokläufen von einzelnen führen, oder zu Wahlerfolgen von Parteien wie der AfD. Denn viele Menschen wählen solche Parteien nicht aus Überzeugung, sondern aus chronischer Frustration, Wut und Verzweifelung.

Vermehrte Pöbeleien in Behörden sind ebenfalls verständliche Beispiele. Die meisten Menschen geben nämlich ihr Bestes und arbeiten und sind verantwortungsvoll und kümmern sich um ihre Familie und und und. Trotzdem kommen sie nicht voran und fühlen sich ausgelaugt und ausgenutzt und hilflos. Als wär nicht schon die Kindheit schwer genug gewesen. Gleichzeitig müssen sich genau diese Menschen fast täglich anhören, in was für einer wundervollen Demokratie sie leben und wie dankbar man in Deutschland zu sein hat. Zack, hat man auch noch ein schlechtes Gewissen, weil man sich undankbar vorkommt. Aber weil ein unpassender Job ernsthaft krank machen kann, wagt es trotz dem ganzen emotionalen Druck der ein oder andere, den Job zu kündigen. Manch einer wird sogar gekündigt, da hat man auch schon von gehört.... Soviel ist gewiss: Weil tatsächlich fast alle Menschen es richtig scheisse finden, den ganzen Tag rumzusitzen, versucht man auch arbeitslos immer noch, sein Bestes zu geben. Manchmal versucht und hofft man sogar, es auch zu finden. Während die Hoffnung wieder und wieder stirbt, fühlt man sich zunehmend als Verlierer, denn wenn alles so toll ist wie alle sagen, man sich aber gar nicht toll fühlt, dann kann das ja vielleicht wirklich bedeuten, dass man einfach zu dumm ist für dieses Leben. Stimmt natürlich nicht, macht aber trotzdem wütend. 

Und vielleicht muss man grad in so einer echt schlechten Phase auch noch zum Jobcenter und sich um diesen scheiß Antrag kümmern, den einem keiner erklärt und wo man schon wieder das Gefühl hat, dass man verarscht wird, weil man nicht versteht, warum das Amt die Miete nicht übernehmen will von der kleinen Wohnung, in der man doch schon seit 9 Jahren lebt, warum man nicht mal eine scheiß Waschmaschine bekommt und warum es für die beiden Kinder nicht mehr Geld gibt. Dass man das Gefühl hat, die Person, die das gleich entscheiden wird, das die vielleicht gestern noch auf der gleichen Seite stand wie man selber, und die sitzt jetzt an der SchikaneMacht - das macht es nicht besser. Und da steht man nach stundenlangem Warten nun der Person gegenüber, von der man das OK braucht, weil man auch was einkaufen muss, das Konto ist aber überzogen, die Überziehungszinsen kann man sich sowieso nicht leisten – und nach langem Warten bekommt man anstatt Unterstützung nur ein vorwurfsvolles knappes: Nein.

Da kommt Wut hoch. Wuuuut.

Und wenn man dann noch spürt, dass trotz realer Ungerechtigkeit diese Person da gegenüber die Wut vielleicht trotzdem nicht verdient hat, macht das sogar noch wütender! Jeder kennt genau dieses Fehlverhalten und dieses Schuldgefühl von sich selber - jeder, der Kinder hat, hat die sicher schonmal absolut zu Unrecht angemotzt. Oder nicht?

Im Jobcenter gibt es aber noch einen großen Unterschied: Die Person im Jobcenter steht da nämlich stellvertretend für ein System. Und es sind doch genau die Schönredner und aktiven Gestalter des Systems, die maßgeblich verantwortlich sind für die Ursache der Wut. Die Verantwortlichen sind aber nicht da, an der heißen Front sitzen nur die Stellvertreter der Gegner und Ausbeuter. Aber sie sind eben der Ansprechpartner, oft selber schlecht gelaunt und mit 0 Verständnis für die Ungerechtigkeit - genervte, verständnislose Stellvertreter für diese unerreichbare Macht, der man sich hilflos ausgesetzt fühlt. Und da das nicht nur gefühlt so ist, sondern ganz real: Kramwumm.

Finden Sie so viel Wut wirklich unverständlich? Das würde mich wundern. Stellen Sie sich doch mal vor, wie das ist, wenn man wieder und wieder nicht voran kommt und dann auch noch behördlich chronisch respektlos abgefertigt wird. Jeder kennt doch das Gefühl, wie es ist, wenn man bevormundet und über den Tisch gezogen wird. Viele Gerichtsverfahren sind Ergebnis solch eines Gefühls. Gut dran ist der, der Zeit, Geld und Nerven hat, sich der vermeindlichen Ungerechtigkeit (erfolgreich) entgegenzustellen. Haben aber viele nicht. Und dann?

Wussten Sie eigentlich, dass viele Menschen in den Arbeitsämtern gar nicht (richtig) ausgebildet sind, sondern von der Arbeitagentur aus der Arbeitslosigkeit heraus in einen Paragraphenwust von Aufgaben gesteckt werden, wofür man in anderen vergleichbaren Berufen eine höchstqualifizierte Ausbildung braucht? Und so manch einer sitzt dort mitunter nur für ein Jahr, grad eingearbeitet und schon kommt der nächste Frischling. Fachliche Ausbildung also fragwürdig, und psychologische Qualifikation... Psychologische was?

 

Wenn man in einer Partnerschaft seine Wut erkennt und den Gründen auf die Spur kommt, dann heilt das. Seine Wut innerhalb der ganzen Gesellschaft zu spüren und zu erkennen, macht die Machtlosigkeit meist nur noch intensiver. Wir haben in Deutschland keinen Raum für solche Wut. Wir ziehen es vor, diese kollektiven Gefühle zu ignorieren oder zu verurteilen. Dabei haben wir viel zu viele Gründe, Wut zu entwickeln. Und wie Wasser nach stetigem Regen sucht Wut sich ihren Raum irgendwann selber, unkontrolliert bricht sie aus, nach und nach, unaufhaltsam.

Dumm ist sicher nicht der, der Wut spürt, sondern der, der sie verleugnet oder gar verachtet. Mißachtung von Gefühlen ist gar nicht klug. Nicht von den eigenen und nicht von anderen. Es ist sogar gradezu lächerlich, wenn Menschen glauben, sich über die Bedürfnisse der Seele stellen zu können! Nichts abgeben wollen, die Bereicherung des Teilens nicht zu kennen, glauben beurteilen zu dürfen, für welchen Fraß andere dankbar zu sein haben  - das erlauben sich nur Menschen, die seelisch unreif sind. Wer das nicht versteht, besitzt keine Empathie und damit keine soziale Kompetenz. Weder in der Politik noch in der Wirtschaft gehören solche Menschen in irgendwelche Führungspositionen. Denn diese Personen verstehen die einfachsten Mechanismen des Menschseins nicht. Artikel 1 unseres Grundgesetzes verstehen sie auch nicht.

So fühlt sich Demokratie zu recht für immer mehr Menschen nicht halb so wundervoll an, wie es nur unwissende Menschen von anderen erwarten können. Das heisst -  echte Demokratie fühlt sich schon bereichernd und erfüllend an. Aber die kennt ja kaum jemand. Und sich das nur als Plakette auf die schwarz-rot-goldene Fahne zu kleben,  das reicht never-ever. Dann reichts nämlich irgendwann.